Della Gemma’s Survival Guide for Musicians

10 Tipps, wie du als MusikerIn sinnvoll durch den Lockdown kommst!
(von Raffaella della Gemma)

Du darfst keine Konzerte spielen, kannst zu keiner Jam Session und nicht einmal Bandproben stehen an? Außerdem fehlen dir die schönen Momente mit Musik, FreundInnen, Publikum und dem Kribbeln im Bauch vorm Konzert. Ach ja, und das Geld von den Gigs geht ab… Realistischerweise wird sich die Lage die nächsten Monate kaum bessern. Deshalb gibt’s hier ein paar Tipps, damit du die harte Zeit sinnvoll nutzen kannst:

 

  1. Online Präsenz

Hast du schon eine Website? Und Social Media Channels?
Heutzutage kann sich jeder kostengünstig und supereasy selbst seine Webpräsenz kreieren. Anbieter wie Wix, Jimbdo, World4you, Easyname usw. ermöglichen es sogar den absoluten Online-Muffeln, schnell und einfach eine Website zu basteln. Kein Programmieren notwendig. Das braucht natürlich trotzdem viel Zeit und Mühe: Design & Aufbau überlegen, Texte schreiben sowie Bilder, Videos und Musik aussuchen. Aber jetzt hast du viel Zeit dafür. Also ran an den PC.

 

  1. PR, Networking & Booking

Abgesehen von der eigenen Web-Präsent braucht es natürlich aktives Networking, Booking und PR! Stell dir einen Pressekit zusammen: 2-3 Songs und Fotos und ein knackiger Pressetext. Schreib Agenturen an, bewirb dich bei kleinen Festivals, Bühnen und organisiere schon jetzt Auftrittsmöglichkeiten in coolen Lokalen, Bars, Pubs, Kaffees usw. Der Sommer kommt bald und wer schon jetzt aktiv bucht und networkt, hat dann viele Gigs!

Tipp: Setze dir als Wochenziel, jede Woche zwei Venues anzuschreiben und notiere alles im Kalender! …und macht euch jetzt endlich g’scheite Visitenkarten (Aufruf an mich selbst, haha)

Wenn du noch nicht so weit bist, kannst du dir jetzt deine Künstlerfigur kreieren: Wie heißt dein Künstlername? Wie und wo trittst du auf und wie präsentierst und kleidest du dich dafür? Entwirf Logo, Bühnenkonzepte und kreiert deine neue MusikerInnen-Identität!

 

  1. Recording

Live-Konzerte sind verboten… aber Recordings sind erlaubt! Es muss ja kein ganzes Album sein, doch eine neue Single oder EP ist immer eine gute Idee. Jetzt hast du viel Zeit, um ins Studio zu gehen bzw. im Home Studio aufzunehmen. Home Recording ist übrigens gar nicht so schwer. Schau dir ein paar Youtube-Videos an, besorg dir ein DAW (z.B. Logic, Audacity, ProTools, Garage Band usw.), ein kleines Recording Set und leg los. Wem das zu anstrengend ist, der fragt einfach ProducerIn oder StudiobetreiberIn an. Investieren lohnt sich hier auf jeden Fall.

Andererseits kannst du dir auch als Studiomusikerin Geld dazuverdienen. Ich habe im Lockdown an einigen Produktionen mitgewirkt und auch so Gage verdient. Und wenn’s mal keine Kohle dafür gibt, dann habt ihr PR & Networking für euch gemacht!

 

  1. Management & Kohle

Jetzt denkt ihr euch vielleicht: „Eh, aber ich hab’ das Geld nicht…“. Ja, Aufnahmen kosten. Aber es gibt Möglichkeiten, sich Recordings zu finanzieren. Eine Kollegin von mir hat den Sommer eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und damit Tausende Euros für ihr neues Album eingenommen. Die ersten Songs sind bereits released!

Ebenso gibt’s viele Fördertöpfe: informiert euch z.B. auf musicaustria.at, was für Möglichkeiten es gibt. Abgesehen davon gibt es zahlreiche Förderungsstellen, die MusikerInnnen zurzeit unterstützen (Ich sage nicht, dass alles fair ist – ich kann nichts ändern – aber verhungern wird keine von uns. Und das ist schön!).

Und weil wir grad von Management reden: Bist du schon bei der SV gemeldet und machst deine Steuer als MusikerIn? Nein? Dann ist jetzt die richtige Zeit, um sich damit auseinanderzusetzen. Wer die Steuer gut macht, bekommt sogar viel Geld zurück!

 

  1. Alternative Auftrittsmöglichkeiten

Vorweg: Ein online Konzert kann ein richtiges Konzert NIE ersetzen. Aber sei doch mal offen für Neues und eigne dir jetzt neue Kompetenzen an. Dadurch kommt auch einiges an Gage zusammen – und das schöne Kribbeln im Bauch vorm Auftritt.

Ich habe dieses Jahr bereits einige alternative Aufträge erhalten: virtuelle Konzerte, kleine private Einlagen im Garten von Privatpersonen, Auftritte bei Radio und TV und Studiorecordings. Dabei hab’ ich auch viel gelernt. Diese Woche spielte ich mit der Loop Station via Zoom bei einem virtuellen Weihnachtsfest. Die technische Vorbereitung war sehr mühsam, aber jetzt bin ich ein Profi und kann das jederzeit wiederholen. TOP!

 

 

  1. Neues Programm

Holt euch Inspiration (z.B. aus der Natur, aus Emotionen, Menschen…) und schreibt großartige Musik! So viel Zeit und Ruhe hatten wir alle noch nie fürs Komponieren und Entwickeln von neuen Shows. Ihr könnt euch auch mit neuen Instrumenten und Techniken vertraut machen. Das neue Programm könnt ihr dann gleich im Sommer präsentieren oder ihr plant einen virtuellen Gig. Fragt KollegInnen nach konstruktivem Feedback.

 

  1. Arbeiten endlich fertig schreiben

All jene, die in Ausbildung sind, haben jetzt eine ganz besondere Gelegenheit: Endlich in Ruhe die Arbeiten fertig schreiben. Seid doch froh, dass ihr nicht zu coolen Partys eingeladen seid und von einem Gig zum nächsten läuft. Ich selbst möchte bis zum Sommer mein Doktoratsstudium an der mdw abschließen. Und im Sommer, wenn hoffentlich wieder Feiern, Musizieren, Reisen und Spaß haben erlaubt ist, wird dann extra viel gefeiert. Das verspreche ich euch! Besser jetzt reinbüffeln als im Sommer.

 

  1. Üben üben üben

Ein Musiker lernt nie aus, es gibt immer Potential nach oben: Skalen, Geschwindigkeit, Rhythmus, Sound, usw. Am besten ihr macht euch ein Übungstagebuch, in dem für jeden Tag ein paar Aufgaben notiert sind. Das könnte z.B. so aussehen: Metronom an und 20 min Bb Dur Skala üben, immer schneller werden; dann 20 min Gehörschulung: ihr spielt oder singt Songs nach; dann Rhythmusübung und zum Schluss belohnt ihr euch mit freier Improvisation. So könnt ihr sichergehen, dass ihr euch jeden Tag steigert.

Ich mache das seit einigen Jahren und habe mich enorm gesteigert. Mit konkreten Aufgaben, realistisch gesteckten Zielen und guter Struktur kommt ihr schneller voran, als wenn ihr einfach herumklimpert und das spielt, was ihr ohnehin schon könnt. Man sollte das üben, was man noch nicht kann. Und sich dann mit dem belohnen, was man bereits kann!

Raffi führt ein Übungstagebuch, um systematischer und damit effektiver zu Üben.

 

  1. Unterrichten

Habt ihr schon einmal Unterricht im Spielen oder Singen gegeben? Das geht zurzeit auf jeden Fall – ob online oder sogar face-2-face! Wer noch keine SchülerInnen hat, kann Inserate aushängen oder online posten. Oder Friends & Family entertainen.

Einige KollegInnen haben sogar online Academy’s gegründet und supertolles Videomaterial für ihre SchülerInnen kreiert. Auch ich habe einmal wieder zum Unterrichten angefangen und freue mich sogar über eine neue Jazz-Geigen-Schülerin. Beim Unterrichten lernst du übrigens auch selbst viel dazu – sowohl musikalische als auch pädagogisch!

 

  1. Ziele definieren und erreichen

„Blablabla. Motivation, PR, Recordings und Einhörner!“ Leichter gesagt als getan. I know. All diese Tipps hören sich natürlich superintelligent an. Aber auch ein Bisschen utopisch. Du musst nichts davon tun. Aber du kannst Dinge tun. Deinen Handlungsspielraum bestimmst du selbst! Du hast die Wahl: Entweder du beschwerst dich nur über die Situation, weinst den entgangenen Konzerten und der Kohle nach und liegst frustriert auf der Couch ODER du nimmst dein MusikerInnen-Leben proaktiv in die Hand.

Setze dir konkrete Ziele und Termine, an denen du mit Projekten fertig sein willst. Schließe dich mit KollegInnen zusammen, hol dir Feedback & Unterstützung und setze Dinge gemeinsam um. Auch wenn du nur einen der 10 Punkte umsetzt, hast du bereits gewonnen!

 

Viel Erfolg dabei!

 

 

Raffaella della Gemma ist Musikerin, Journalistin und Musikwissenschaftlerin. Sie tritt als Solokünstlerin mit E-Geige, DJ und Loopstation auf, spielt bei zahlreichen Bands mit, unterrichtet Vocals, Violine, Musiktheorie und Bühnenperformance. Raffaella studiert Jazz-Geige am Konservatorium und schreibt zurzeit an ihrer Doktoratsarbeit an der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien – der Titel lautet passend „Musik zwischen Virtualität und Materialität“ 

Erzähl's rum...

One Reply to “Della Gemma’s Survival Guide for Musicians”

  1. Heyhey, super Infos!
    Ich bin motiviert in dieser Zeit, trotz der vielen Unsicherheiten 😀

    Ich hoffe, dass dein Enthusiasmus auf viele MusikerInnen überschwappt!
    Mich hast du schonmal motiviert 😉

    Let’s keep creating!

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